Der Mythos der „objektiven“ Kritik

Eigentlich sollte heute ja der zweite Teil des Beitrags zum Thema Remakes erscheinen, allerdings möchte ich die, kürzlich in Deutschland neu-veröffentlichten, Neon Genesis Evangelion Rebuild Filme, die irgendwo zwischen Remake und Reboot stehen, mit einbringen, da sie wahrscheinlich noch einen Teil des Beitrags beeinflussen werden. 

In diesem Beitrag geht es daher um etwas, was für mich schon länger ein rotes Tuch ist: Die Forderung nach “objektiven” Kritiken. Aber fangen wir mal von vorne an. Was ist Objektivität, wie kann man eine objektive Kritik schreiben und warum ist das nicht so toll wie Viele vielleicht denken? Außerdem werde ich kurz darauf eingehen warum sie trotzdem so oft gefordert werden.

Objektivität

Fangen wir, wie so oft, mit der Definition an: Objektiv ist ein Standpunkt genau dann, wenn er unabhängig von der Person beziehungsweise dem Subjekt ist, die beziehungsweise das ihn äußert. Es wird oft philosophisch diskutiert, ob objektive Aussagen überhaupt getroffen werden können. Da das ein komplett anderes Thema ist, gehen wir in diesem Artikel mal davon aus, dass quantifizierbare Aussagen objektiv sind. Also all das, was man mit einem Zahlenwert bezeichnen kann. Sind wir mal großzügig und erlauben auch wahr/falsch Aussagen, die direkt erkennbar sind und keinen Interpretationsspielraum zulassen. Dazu zählen Aussagen, wie “In dem Film ‘Titanic’ wird eine Liebesbeziehung dargestellt”. Allerdings sind Aussagen, wie “In ‘Matrix’ gibt es eine rote und eine blaue Pille”, grenzwertig, da Farbe relativ ist und unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Aussagen, wie “Die weibliche Hauptrolle in ‘Die Schöne und das Biest’ ist schön”, wären nicht objektiv, da, wie wir alle wissen, Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Andere Adjektive, die wir nach dem Muster ausschließen können sind optische Beschreibungen, wie hässlich oder schick, Einstufungen, wie gut und schlecht, moralische Einschätzungen, wie gut und böse, und emotionale Einschätzungen, wie traurig und bewegend. Diese Liste kann man noch endlos fortführen.

Objektive Kritik

Zählen wir doch mal auf, was wir auf jeden Fall in unsere Kritik schreiben können. Bei Filmen können wir die Laufzeit, das Bildformat und ähnliche technische Daten nennen. Das sind Fakten, die wir in Zahlen ausdrücken können und die sich nicht ändern. Dass sich die Zahlen nicht ändern, hört sich zwar erstmal bizarr an, aber wenn wir uns zum Beispiel Bücher anschauen sehen wir, dass sich die Seitenzahlen zwischen Versionen unterscheiden. So kann ein und derselbe Roman als Hardcover mehr oder weniger Seiten haben, als als Taschenbuch. E-Books haben sowieso variable Seitenzahlen. Wenn wir die Länge eines Buchs objektiv angeben wollen, müssen wir die Anzahl der Worte angeben. 

Das ist aber noch nicht alles was wir objektiv aufzählen können. Wir können auch Mitwirkende, wie Schauspieler, Regisseure, Autoren und so weiter aufzählen, allerdings dürfen wir das aktuelle Werk nicht mit ihren anderen Werken vergleichen oder in deren Gesamtwerk einordnen, da dabei natürlich die Objektivität verloren geht. 

Also was dürfen wir in einer objektiven Kritik sagen, was nicht schon auf der Verpackung steht. Naja wir dürfen sagen, was es in dem Werk gibt, aber nicht kommentieren, wie das mit anderen Elementen zusammen spielt oder ob das gut oder schlecht funktioniert. Also kann man zum Beispiel sagen: “‘Godzilla vs. Kong’ enthält Godzilla”, aber nicht: “Godzilla in ‘Shin Godzilla’ hat mir besser gefallen als in ‘Godzilla vs. Kong’.”. 

Ihr merkt schon das wird viel mehr eine Produktbeschreibung als eine Kritik. Können wir denn wenigstens die Geschichte zusammenfassen? Nicht wirklich. Zwei Zusammenfassungen von ein und demselben Film von zwei unterschiedlichen Personen sehen komplett anders aus und setzen wahrscheinlich auch unterschiedliche Akzente. Damit sind sie nicht unabhängig von dem Kritiker und damit auch nicht objektiv. Ohne Einordnung und eigene Meinung sind wir damit wirklich weit davon entfernt, was eine Kritik eigentlich erreichen sollte.

Nach den ganzen Abstrichen kann ich euch auch etwas Positives berichten. Es wird deutlich einfacher einem Werk einen numerischen Punktewert zu geben. Wir schreiben einfach eine Liste mit allen Werten, die wir notiert haben. Bei Aussagen, wie “In diesem Film spielt Tom Cruise mit” notieren wir eine 1, wenn sie zutreffen, und eine 0, wenn nicht. Jetzt addieren wir einfach jeden Wert und teilen durch den höchsten den wir jemals hatten. Jetzt haben wir unsere Prozentwertung des Films. Wir können das ganze auch durch 10 oder 20 teilen und runden für eine x aus 10 Wertung oder eine Sternebewertung. Ihr merkt schon das ist keine besonders tolle Art irgendetwas zu bewerten, aber sie ist objektiv!

Warum rufen Viele nach Objektivität

Diese ganze überspitzte Farce der Konstruktion einer objektiven Kritik sollte eines klar gemacht haben: Eine objektive Kritik, falls sie denn tatsächlich existiert, ist nicht wirklich aussagekräftig, da keine Einordnung, Einschätzung oder Bewertung in irgendeiner sinnvollen Art und Weise getroffen werden kann, da diese subjektiv wären. Also was ist es an dem Konzept, was so viele Leute überzeugt? Am lautesten sind die Schreie nach Objektivität gefühlt dann, wenn die Personen, die das fordern, das ursprüngliche Werk sehr mögen. 

Philosophen und Psychologen wissen schon seit langem, dass die meisten Menschen sich selbst als rational und objektiv sehen. Das ist auch erstmal nichts Schlechtes, natürlich denkt man, dass die eigenen Meinungen, Einstellungen und Taten, basierend auf den Fakten, tatsächlich und objektiv richtig sind. Allerdings ist man selbst natürlich der Fokuspunkt der eigenen Erfahrungen und man kann Dinge nur durch seine eigenen Augen sehen und das Meiste sind subjektive Einschätzungen und Schlussfolgerungen. Auch das ist kein Problem. Jetzt wird aber schnell klar, dass viele ihre eigene subjektive Meinung für objektiv halten. 

Genau das steckt nämlich in der Regel hinter solchen Forderungen: “Versuch doch bitte nächstes Mal objektiver zu sein.” bedeutet also eigentlich “Versuche doch bitte nächstes Mal meiner Meinung zu sein”. Ich denke den meisten Leuten ist das leider nicht bewusst, ich möchte niemanden, der so etwas sagt, als dumm oder unaufgeklärt darstellen, allerdings ist das leider ein logischer Trugschluss; die eigene Meinung als objektiv zu begreifen.

Subjektivität verringern

Nach all dem möchte ich euch trotzdem einen Ansatz vorstellen, der genutzt wird, um etwas möglichst objektiv zu bewerten. Gütesiegel, Produkttests und Preisverleihungen müssen schließlich sicherstellen, dass die subjektive Meinung eines Einzelnen nicht zu großen Vor- beziehungsweise Nachteilen führt. Ein Ansatz der sich, trotz seiner Einfachheit bewährt hat, ist mehrere Prüfer einzusetzen und sie unter denselben Kategorien bewerten lassen.

Leider ist das für Kritiken eher ungeeignet. Da eine Kritik schwieriger zu verfassen ist als ein zusammenfassender Abschlussbericht, explodiert dann natürlich der Arbeitsaufwand mit jedem weiteren Mit-Kritiker geradezu. Außerdem werfen Kunstkritiken nicht so viel Geld ab, dass man mehrere Kritiker einem Werk zuordnen könnte ohne einen finanziellen Verlust in Kauf zu nehmen.

Abschließend hier mein Tipp an alle die sich häufig denken: “Der könnte ruhig mal objektiver sein”: Sucht euch einen Kreis an Kritikern, die nicht immer derselben Meinung sind wie ihr, lernt sie kennen und überlegt mit welchen Einstellungen ihr übereinstimmt und mit welchen nicht, dann könnt ihr euch informieren, ob euch ein Film, Buch, Spiel, etc. gefällt, bevor ihr dafür Geld ausgebt.

 Dieser Artikel war diesmal mehr eine Tirade, aber das muss glaube ich auch mal sein. Oder was meint ihr?

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