Von Katastrophen, Monstern und normale Helden

Kürzlich habe ich “Contagion” aus 2011 gesehen. Ein Katastrophenfilm, der den Ausbruch und den Kampf gegen einen hochansteckenden, tödlichen Virus zeigt. Ja, ich habe mir den Film nur im Kontext der noch laufenden Corona-Pandemie angeschaut, aber ohne diesen persönlichen Bezug hätte ich ihn mir gar nicht angeschaut. Diese Katastrophenfilme haben mich nämlich noch nie abgeholt. Am nächsten Tag habe ich Hideaki Annos “Shin Godzilla” gesehen, was mich dann doch abgeholt hat – Das kann doch nicht nur an dem riesigen, radioaktiven Reptil liegen, oder?

Was verbindet Katastrophen-Filme für mich?

In einem der ersten Posts in diesem Blog “Genre Bias” wurde ja schon mal beleuchtet, dass Genre-Definitionen nicht so einfach sind, besonders bei so spezifischen Genres wie “Katastrophe”. 

Ein Film mit einem extrinsischen Ereignis, das entweder weitestgehend wahllos ist, wie ein Erdbeben oder eine Flut, oder für das man Niemanden explizit verantwortlich machen kann, wird allgemein als Katastrophenfilm bezeichnet. Die Einschränkungen des Ereignisses sind wichtig, die Erste, um Naturkatastrophen einzuschließen, die Zweite, weil sonst viele Filme fälschlicherweise so klassifiziert werden würden. Zum Beispiel startet die Handlung von dem Film “Big Lebowski” mit zwei Schlägern die von Jeffrey “Der Dude” Lebowski Geld verlangen, um die Schulden seiner “Frau” zu begleichen. Allerdings lag eine Verwechslung vor, da eigentlich die Frau eines anderen Jeffrey Lebowski die Schulden hat. Sprich die Schulden einer Fremden, also ein extrinsisches Ereignis, löst die Handlung aus, allerdings gibt es Jemanden, den man dafür Verantwortlich machen kann und damit einen Lösungsansatz.

Ich denke aber nicht, dass das eine Definition ist, die mein Gefühl bei diesen Filmen beschreibt. Gerade Roland Emmerichs Filme, wie “2012” und deren zahllose Nachahmer. Wenn ich versuchen würde mein Gefühl zu einer Definition zu machen, wäre sie: “Ein Katastrophenfilm zeigt uns, wie unterschiedliche Menschen auf ein Ereignis reagieren.” Den Begriff “Ereignis” meine ich wie oben. Außerdem gibt es oft, aber nicht zwingend, eine politische Teilhandlung.

Damit ist, bizarrerweise, “Shin Godzilla” ausgeschlossen, was sich auf den japanischen Regierungsapparat konzentriert und damit keine unterschiedlichen Menschen darstellt. Die allgemeine Definition, erfüllt der Film aber. “Die Vögel” von Alfred Hitchcock wäre nach beiden Definitionen ein Katastrophenfilm, da der Angriff der Vögel ein extrinsisches Ereignis mit den beschriebenen Einschränkungen darstellt und wir in der Restaurantszene die Reaktionen von unterschiedlichsten Charakteren sehen, darunter ein religiöser Mann, der den Weltuntergang ausruft, und eine Ornithologin, die den wissenschaftlichen Standpunkt vertritt, dass die Vögel nicht unprovoziert angreifen würden.

Plotlines

In einem normalen Film haben wir in der Regel eine Plotline, oder zu deutsch “Handlungsstrang”, mit einem oder mehreren Charakteren. Jeder Charakter der im Film relevant ist, ist auch Teil einer oder mehrerer Plotlines. Diese Plotlines haben einen Startpunkt, der in der Regel, der von mir schon öfter erwähnte, Ruf des Abenteuers ist. Manchmal passiert auch in einem Handlungsstrang etwas, das einen Anderen startet. Ein Beispiel dafür ist, mal wieder, “Star Wars: Episode IV”. Ich weiß, ich benutze den Film oft als Beispiel, aber den haben nunmal viele Menschen gesehen. Wir verfolgen am Anfang den Handlungsstrang um Darth Vader und Prinzessin Leia, der bis zum letzten Drittel des Films getrennt von dem Plot um Luke, Han, Obi-wan und den Droiden stattfindet. Allerdings dient der Erste als Motivation für den Zweiten. Graphisch kann man das vereinfacht so darstellen:

Die Handlungsstränge laufen im besten Fall irgendwann zusammen. In Quentin Tarantino’s “Once Upon A Time In Hollywood” haben wir drei Plotlines: Die um Rick Dolton und seine stagnierende Karriere, die um die Manson Family und Cliff Booth und die um Sharon Tate, in der wir sie hauptsächlich kennenlernen. Im Finale des Films laufen dann alle zusammen. Das ist meiner Meinung nach sehr wichtig, da es sich sonst so anfühlen kann, als wären das beliebig zusammengewürfelte Einzelgeschichten. In der graphischen Darstellung vereinfache ich hier sehr stark, um dem doch ziemlich aktuellen nichts vorwegzunehmen:

Das Zusammenlaufen kann dabei aber ziemlich vage sein und die Plotlines müssen nicht mal zwingend Auswirkungen aufeinander haben. Schauen wir uns zum Beispiel die klassische Sitcom Struktur an. Es gibt in der Regel einen A-Plot und einen B-Plot, beide starten in der gewohnten Welt der Gruppe. Beide gehen normalerweise in ganz andere Richtungen, bis sie wieder zusammenlaufen und sich in einem Status Quo, ähnlich der zuvor gewohnten Welt, auflösen. Dabei beeinflussen sie sich oft gegenseitig, aber das ist nicht zwingend nötig, auch wenn sie in der Regel zumindest thematisch zusammenhängen sollten. Das ist natürlich jetzt etwas verkürzt dargestellt, aber die Eckpunkte sollten klar geworden sein. Graphisch könnte man das so zeigen:

Unterentwickelt und Langweilig

Gibt es ein Limit für die Anzahl der Handlungsstränge? Naja prinzipiell nicht. Wir haben bisher zwar nur Beispiele mit zwei beziehungsweise drei Handlungssträngen gesehen, aber man kann deutlich mehr Plotlines schreiben. Moderne Serien machen das oft. So gibt es in zwei der Einflussreichsten, Breaking Bad und Game of Thrones, unzählige Plotlines. An einem gewissen Punkt wird aber die Zeit zu einem Problem. Bei Serien mit 50 bis 60 Stunden Laufzeit kann man natürlich auch echt viele Aspekte beleuchten. In einem Film der nur 120 Minuten läuft wird das deutlich schwieriger, trotz Überlänge.

Schon bei fünf Plotlines wären das nur 24 Minuten für jede. Das ist schon sehr wenig Zeit, um eine interessante Handlung aufzubauen. Allerdings wird in der Regel eine der Plotlines deutlich mehr beleuchtet, was die Anderen noch unterentwickelter zurücklässt. Im besten Fall bleibt für mich das Gefühl, dass man eine interessante Geschichte sieht, die immer wieder von Langweiligen unterbrochen wird, um eine Laufzeit von zwei Stunden zu erreichen. Im schlimmsten Fall sieht man fünf langweilige Geschichten, die zu einem Schnarch-Fest mit Überlänge zusammengeschnürt wurden. Vor Allem wenn sie sich gegenseitig nicht beeinflussen.

Zum Beispiel holt mich der Handlungsstrang um Matt Damon’s Figur und seiner Tochter in “Contagion” überhaupt nicht ab. Die Figur hat seine Frau, die ihn betrogen hat und dabei zu Patient 1 wurde, und seinen Sohn an den Virus verloren, ist aber selbst immun. Allerdings haben wir keine Zeit das alles zu beleuchten, so lernen wir von ihm nur, dass er seine Tochter beschützen möchte und ihr keine sozialen Kontakte gestattet. Außerdem wirkt er deeskalierend auf verschiedene Situationen in der Stadt ein, ob er das tut, weil er nett ist oder weil er sich schuldig fühlt, wird nicht näher beleuchtet. Wenn sich dann die letzte Szene im Film, um ihn dreht, ist das für mich sehr enttäuschend. Der Konflikt mit seiner Tochter, wird aufgelöst, in dem sie ihren geimpften Freund treffen darf, dabei hat aber eigentlich niemand etwas gelernt. Außerdem weint Matt Damon’s Charakter über Bildern von seiner Frau, allerdings wissen wir nicht genau warum – Konnte er nicht trauern und holt das nach? Hat er ihr den Betrug vergeben? War er überhaupt wirklich sauer? Hat es ihn an seine Immunität erinnert? Alles davon ist möglich, weil wir nichts über ihn erfahren haben. Das hat übrigens alles nichts mit den anderen Handlungssträngen zu tun.

Was macht diese Filme dann interessant?

Es ist wohl relativ klar geworden, dass ich mit den “Roland-Emmerich-esquen” aufgeteilten Plotlines nicht viel anfangen kann. Diese Art Filme sind aber so beliebt, dass es mindestens einmal jährlich eine große Produktion gibt. Dafür gibt es doch bestimmt einen Grund.

Nachdem ich mir einige Gedanken gemacht habe, ist mir aufgefallen, dass diese Art Katastrophenfilme viele Ähnlichkeiten mit Fernseh-Magazinen, wie Morningshows und Promi-Magazinen, hat. Okay das hört sich gerade, wie eine gewagte These an, aber lass mich erklären, wie ich das meine. Die Beiträge in diesen Magazinen handeln in der Regel von normalen Menschen, die unverschuldet in problematische Situationen geraten sind, oder es geht um Promis, manchmal gibt es auch Haushalts- und Produkttipps. Der erste Punkt spiegelt sich in den Katastrophenfilmen wieder, da die meisten Plotlines von normalen Menschen handeln, die unverschuldet in einer problematischen Situation sind. Die meisten Katastrophenfilme sind große Produktionen mit Starbesetzung, damit decken sie auch den Promi-Aspekt ab. Böse Zungen würden behaupten, dass Katastrophenfilme auch viele Produktplatzierungen haben, aber das nachzuweisen ist nicht so einfach.

Was kann man ändern?

Ehrlich gesagt, sollte man wahrscheinlich gar nichts an den Filmen ändern. Ich bin nicht die Zielgruppe dafür und es unterhält viele Menschen. Man kann natürlich die Struktur ändern und sich auf eine Person konzentrieren, wie in “Die Vögel” in dem wir nur Melanie Daniels folgen und damit sogar den Tod eines wichtigen Charakters zur Rettung eines Anderen verpassen. Man kann sich auch auf nur einen Bereich der Katastrophe konzentrieren, wie in “Shin Godzilla”, in dem wir die politische Seite der Katastrophe sehen und dabei persönliche Schicksale zurückstellen.
Für “Contagion” insbesonder hätte ich mir eine Anthologie gewünscht, die auf drei oder mehr Filme aufgeteilt wäre. Die meisten Plotlines sind nämlich interessant, aber zu unterentwickelt. Wie wäre es mit “Contagion Teil 1: Medical Emergency” in dem wir die Geschichte, um Laurence Fishburnes Charakter und seinem Team aus Ärzten, die am Impfstoff arbeiten, erleben. Dabei kann man dann die medizinischen und politischen Probleme zeigen, die daraus folgen, wenn ein Doktor plötzlich mitten in der Öffentlichkeit steht, weil er ein Experte in dem Bereich ist. Das macht der Film ja schon ganz gut, da das sowieso der Handlungsstrang ist, der die meiste Aufmerksamkeit bekommt.

In “Contagion Teil 2: Surviver” sehen wir dann die Geschichte von Matt Damons Charakter. Dabei können die interessanten Punkte, die ich weiter oben schon genannt habe, näher beleuchtet werden.

In “Contagion Teil 3: Infecting Ideas” sehen wir den Jude Laws Charakter, der in seinem Blog die Virus-Katastrophe vorhergesagt hat. Man könnte zeigen, wie er seine Verschwörungsideologie verbreitet, während er hinter dem Rücken der Öffentlichkeit seinen Aktien-Betrug aufzieht. Auch das ist im eigentlichen Film schon Thema, findet aber hauptsächlich Off-Screen statt.

Figuren aus den anderen Filmen tauchen natürlich jeweils an relevanten Stellen wieder auf. Die restlichen Plotlines des Films kann man natürlich auch noch in dieser Art verarbeiten. Wenn man das an ein Produktionsteam vermarkten muss, kann man das auch als Serie pitchen.

Also kurze Handlungsstränge, die an TV-Magazine erinnern, sind für mich nicht interessant. Fokussiertere Dramen im Kontext einer Katastrophe sind deutlich spannender und ich hätte gerne mehr Struktur in bestehenden Filmen. Seht ihr das genauso? Hört sich eine “Contagion Anthologie” für euch auch nach einer guten Idee an? Oder würdet ihr das anders machen?

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