Eröffnungsszenen

Kürzlich haben wir in unserem Podcast über “Das Schloss Cagliostro” gesprochen. In der Episode habe ich explizit die erste Szene des Films gelobt. Danach habe ich noch weiter über Eröffnungsszenen allgemein nachgedacht und dabei sind mir einige interessante Dinge aufgefallen. Also lasst uns darüber reden, wie man einen Film, ein Buch oder ein Stück eröffnet, außerdem gibt es auch ein paar Dinge, die man beim eröffnen eines Videospiels umsetzen kann, auch wenn es nicht oft gemacht wird.

Was macht eine Eröffnungsszene zu einer Eröffnungsszene?

Die Frage klingt trivial – eine Eröffnungsszene ist die erste Szene; der erste Eindruck, den das Publikum von einem gegebenen Werk bekommt. Es ist aber essentiell wichtig, festzustellen, dass das so ziemlich die einzige Einschränkung ist, die wir haben. Alles andere ist variabel. 

Wie lang ist so eine Szene? Eine Minute, ein paar wenige Minuten? In dem ersten Indiana Jones Film “Jäger des verlorenen Schatzes” kann man argumentieren, dass die Eröffnungsszene erst nach dem ersten Beutezug endet, wenn die eigentliche Geschichte in der Universität startet. Das ist über 12 Minuten nach dem Start des Films.

Wo in der Geschichte sollte sich die Szene einordnen? Am Anfang der Geschichte? Beim frühesten relevanten Ereignis, wie in Herr der Ringe? Beides ist möglich, allerdings kann man auch “in medias res”, also mitten in der Handlung, starten, wie es zum Beispiel, die Deadpool-Filme gerne tun. Man kann sogar mit dem Ende anfangen, so heißt es zum Beispiel schon im Prolog von “Romeo und Julia”:
“[…]Aus dieser Feinde unheilvollem Schoß
Das Leben zweier Liebender entsprang, 
Die durch ihr unglückselges Ende bloß
Im Tod begraben elterlichen Zank.[…]”
So erzählt uns Shakespear schon nach wenigen Versen, wie das Stück endet.

Starten wir wenigstens immer mit der Hauptfigur? Nein, “Star Wars – Episode IV: Eine neue Hoffnung” nutzt die erste Szene, um den Antagonisten “Darth Vader” einzuführen. Ich klammere hier mal den klassischen vorbeiziehenden Text aus, weil das nicht wirklich eine Szene ist und meiner Meinung nach sogar komplett entfernt werden könnte.

Aber die Szene spielt immer in die eigentliche Geschichte, oder? Nein, “Das Schweigen der Lämmer” führt Clarice ein und zeigt uns, was ihren Charakter ausmacht. In “Oldboy”(2003) wird auch der Hauptcharakter Dae-su Oh in der Eröffnungsszene vorgestellt, was essentiell ist, damit wir einen Rahmen haben, welcher zu der folgenden Handlung führt, auch wenn es letztendlich ein Roter Herring ist. Oldboy ist dabei sogar so effektiv, dass wir gleichzeitig noch Dae-su Oh’s Beziehung zu seiner Tochter sehen, welche erst deutlich später wichtig wird.

Also nachdem wir jetzt eine Rundfahrt durch alle möglichen Genres gemacht und sogar ein klassisches Stück betrachtet haben, bleibt zu sagen: “Die Eröffnungsszene ist die erste Szene und damit der erste Eindruck, den das Publikum bekommt”. Nicht mehr und nicht weniger. Aber was macht eine gute Eröffnungsszene aus…

Welche Aufgabe hat eine Eröffnungsszene?

Da es um den ersten Eindruck des Publikums geht, sollte auf jeden Fall die Stimmung des Films gesetzt werden. Es kann zwar effektiv sein eine andere Stimmung zu setzen und später umzudrehen, aber das Werk muss um diese Idee konstruiert sein, damit das funktioniert. Außerdem wird in der Regel mindestens ein weiteres Ziel erfüllt. Will man also eine gute Eröffnungsszene schreiben, sollte man sich überlegen, was der Zuschauer am besten direkt wissen soll, was das Werk ausmacht oder was den Zuschauer anzieht und ob man ihm schon mal einen Vorgeschmack geben will. Gehen wir das mal anhand der Beispiele durch.

In “Das Schloss des Cagliostro” zeigt uns die Eröffnungsszene einen Raubzug auf ein Casino beziehungsweise das Ergebnis eben dieses Raubzuges. Dabei wird sowohl das Europäische Flair des Films gesetzt, als auch die eher leichtere, lustige Stimmung, durch die energetische Art, in der die Hauptcharaktere flüchten. Also ist die Stimmung gesetzt, das zusätzliche Ziel ist die Hauptcharaktere einzuführen. Da das ein Film zu einer Serie ist, müssen die Beiden schnell und effektiv eingeführt werden, um die Serien-Fans nicht zu langweilen und trotzdem die Zuschauer, die nur den Film sehen, abzuholen. Die Größe des Casinos zeigt uns, dass die Beiden kompetente Diebe sind und das synchrone Springen über die Hürden, zeigt uns, dass die Beiden schon lange zusammenarbeiten und sich gut verstehen. Damit wurden die wichtigsten Aspekte visuell vorgestellt und in einer interessanten Szene verpackt, was unsere Bedingungen erfüllt.

“Jäger des verlorenen Schatzes” macht das ähnlich. Es wird eine “exotische” Stimmung gesetzt und Indiana wird als kompetenter Grabräuber eingeführt. Außerdem wird klargestellt, dass er die Kulturschätze entwendet, um sie an Museen zu übergeben, statt sie zu verkaufen, was seine Gegenspieler beabsichtigen. Zusätzlich erfahren wir von seiner Angst vor Schlangen und lernen einen kleineren Antagonisten kennen.

Auch “Das Schweigen der Lämmer” führt die Hauptfigur ein, während Star Wars den Antagonisten einführt. Wie vorher beschrieben führt Oldboy auch den zentralen Charakter ein und gibt uns ein paar mögliche Erklärungen für das, was anschließend passiert.

In “Der Herr der Ringe: Die Gefährten” werden wir darauf vorbereitet, dass diese Reihe eine weltumspannende Epik darstellt. Neben dieser Stimmung werden uns auch Informationen mit auf den Weg gegeben, die man nicht wirklich natürlich in die Handlung einfügen kann, die allerdings dennoch essentiell sind.

“Romeo und Julia” macht praktisch dasselbe, in dem die verfeindeten Familien vorgestellt werden. Darüber hinaus wird das Ende vorweggenommen, was den Fokus vom Gedanken: “Wie geht das wohl aus?” ab und zu dem Gedanken: “Wie wird es dazu kommen?” hin lenkt.

Harter Bruch von “Romeo und Julia” zu “Deadpool” – Die Deadpool Filme wollen lustige Actionfilme sein, die sich nicht so ernst nehmen. Wie die Charaktere so geworden sind wie sie sind, ist eher mäßig interessant, also starten die Filme mitten in der Action, um die Zuschauer schon mal anzufixen, bevor man die Hintergründe näher beleuchtet. Das ist eine sehr einfache Lösung für ein Problem, das viele Action- und Superhelden-Filme plagt.

In unseren Beispielen scheint der zweite Zweck der Eröffnungsszene oft Charakterisierung oder Informationsvermittlung zu sein. Ich denke das ist auch der sicherste Startpunkt, um eine Geschichte zu erzählen. Aber wir haben auch gesehen, dass der direkte Griff nach der Aufmerksamkeit des Zuschauers, die richtige Entscheidung sein kann.

Eröffnungsszene vs. Tutorial

In Videospielen hat man ein weiteres Problem. Während es reicht einem Zuschauer die Stimmung zu vermitteln, muss man einem Spieler auch noch vermitteln, wie man das Spiel eigentlich spielt. Zu Tutorials an sich gibt es schon endlos viele Abhandlungen in den verschiedensten Formen, deswegen konzentriere ich mich weiterhin auf die Narrative.

Die meisten Videospiele starten mit dem Ruf zum Abenteuer. Das ist ja auch sinnvoll, der Alltag des Helden ist in der Regel eher uninteressant oder im Fall von vielen “gesichtslosen” Protagonisten, nicht mal vorhanden. Um dem Spieler zu zeigen, wie das Spiel funktioniert, wird oft der Ruf des Abenteuers, ein Flashback oder eine Trainingssession genutzt. Manchmal, wie im Fall von “Witcher 3”, wird sogar eine Kombination daraus verwendet. Manchmal starten wir auch mitten in der Geschichte mit einem voll ausgestatteten Protagonisten bis etwas passiert, was ihn seiner Kräfte beraubt.

Das sind allerdings nicht besonders relevante Abweichungen von einer thematisch angepassten, spielbaren Anleitung.

Mir fallen aber tatsächlich zwei Spiele ein, die eine narrativ interessante Eröffnungsszene haben. Das erste ist “Assassins Creed III”, in diesem Spiel startet man als der Vater der Spielfigur und findet am Ende des Prologs heraus, dass er der Fraktion der Templer angehört, die in der Serie bisher ausschließlich als Antagonisten auftraten. Das gibt uns nicht nur einen Einblick in die verfeindete Fraktion, sondern gibt uns auch Kontext für die Familie der Spielfigur und ein Gefühl für den Antagonisten des Spiels.

Das zweite Beispiel ist “Yakuza Kiwami”, in dessen Eröffnungsszene wir Informationen über den Hauptcharakter und seinen engeren Kreis bekommen. Das führt letztendlich dazu, dass er die Verantwortung für das Verbrechen eines Anderen übernimmt, was zu einem fünfjährigen Gefängnisaufenthalt führt, nach dem das eigentliche Spiel beginnt. Damit bekommen wir einen guten Eindruck von unserem Protagonisten und Gründe dafür warum sich in seiner Abwesenheit scheinbar alles verändert hat.

Abschließende Gedanken

Man sagt ja man bekommt immer nur einen ersten Eindruck. Das ist natürlich auch für Unterhaltungsmedien wahr. Wenn ein Autor, egal welcher Art, sich genau überlegt hat, wie seine Geschichte starten soll, wird dem Publikum alles mitgegeben, was für das Werk wichtig ist und manchmal sogar einiges mehr. Dabei steht die Stimmung des Films in der Regel im Mittelpunkt.
Was war eure liebste Eröffnungsszene und was wurde euch dabei mitgegeben?

Quellen

Schreibe einen Kommentar