Realistischer Film oder wie man seinen Unglauben aussetzt

Ihr habt bestimmt schon mal einen Film oder eine Serie gesehen, bei der ihr euch gedacht habt: “Das ist jetzt aber unrealistisch!” oder “Das macht ja gar keinen Sinn”. Ob es dabei um einen Plotpunkt, eine Charakter-Motivation oder eine Action-Sequenz, die in der physikalischen Welt unmöglich wäre, geht, ändert nichts daran, dass ihr den Film jetzt mit einer hochgezogenen Augenbraue fertig schaut. Leider ist die Suche nach “Logiklücken” mittlerweile eins der beliebtesten Genres von “Filmkritiken”, was meiner Meinung nach das Diskussionsklima vergiftet.
Aber fangen wir mal von Vorne an, wie machen wir unsere Texte, Filme etc. als Autoren realistischer und wie gehen wir als Publikum und Kritiker mit Ungereimtheiten in diesen um?

Realismus

Der Realismus ist eine literarische Epoche aus dem 19. Jhd. und…
Okay, das mag auch ein spannendes Thema sein, aber darum soll es erstmal nicht gehen. Seine Charaktere, Handlung und Dialoge glaubwürdig darzustellen ist die absolute Meisterdisziplin eines Autoren, deswegen möchte ich mir gar nicht anmaßen eine Lösung dafür zu präsentieren. Aber ich stelle euch trotzdem ein paar meiner Erfahrungen und Beobachtungen vor. Das ist keine vollständige Sammlung, aber ich glaube ich habe ein paar der interessantesten Punkte zusammengestellt.

Als Erstes ist es wichtig anzumerken, dass fiktionale Szenarien, Charaktere und Dialoge nicht real sind und auch nie Real sein werden. Daher sollten wir nicht versuchen eine absolute Realität zu erreicht, da das auch ziemlich langweilig wäre. Um klar zu machen warum, denkt mal an euer letztes Streitgespräch zurück. Bestimmt sind euch in der Zwischenzeit haufenweise bessere Argumente oder smartere Comebacks eingefallen, als die, die ihr tatsächlich eurem Gegenüber an den Kopf geworfen habt. Aber wir haben leider nie genug Zeit in solchen Situation. Autoren haben allerdings diese Zeit, wenn sie so eine Situation schreiben, deswegen sind fiktionale Figuren immer cleverer und schlagfertiger in Dialogen als echte Menschen. Außerdem wäre es ja auch langweilig, wenn Charaktere andauernd übereinander sprechen, Füllworte, wie “Äh”, benutzen oder Denkpausen einlegen würden, wie es reale Menschen tun. So wirken, durch unsere Gewohnheit, Figuren, die realistischer reden als normale fiktionale Figuren, oft unrealistischer.

Was man allerdings auf gar keinen Fall tun sollte ist, einen Charakter einem anderen ins Gesicht sagen zu lassen, was der Erste vom Zweiten denkt. In Wut jemandem ins Gesicht zu brüllen, das man ihn nicht ausstehen kann, mag zwar noch realistisch sein, aber jemandem ernst gemeint in einem ungezwungenen Gespräch zu sagen “Du bist echt witzig” oder “Ich schätze dich sehr” ist schon seltsam, wenn nicht sogar etwas gruselig. Es mag für einen Autoren eine direkte Möglichkeit sein dem Publikum mitzuteilen, was die Charaktere voneinander denken, was durchaus bequem und günstig wirkt, allerdings ist das ein sicherer Weg genau dieses Publikum zu verlieren.

Für eine realistische Geschichte sollte man aus meiner Erfahrung heraus zu viele Zufälle vermeiden. Einer oder zwei große Zufälle sind zwar noch nicht so schlimm und fallen dem Publikum vielleicht nicht mal auf, sind aber meiner Meinung nach schon eine faule Lösung, um den Plot in die Richtung zu bewegen in die er gehen soll. Ich beziehe mich hier auf Zufälle, die vollkommen unabhängig von den Figuren und ihren Entscheidungen, den meisten Menschen genauso passieren könnten. Mehr als ein paar wenige dieser Zufälle lassen den Plot aber auf jeden Fall schwach wirken, da Ereignisse einfach ohne irgendeinen plot-relevanten Grund passieren. Allerdings muss man hier etwas unterscheiden, schauen wir uns zum Beispiel den Spinnenbiss in “Into the Spiderverse” an. Miles Morales wird beim Graffiti sprühen von einer Spinne gebissen, die ihn zu Spideman macht und damit den Plot startet. Das hört sich jetzt sehr zufällig an, da aus Graffiti sprühen normalerweise kein Spinnenbiss folgt und erst recht nicht eine Verwandlung in einen Superhelden. Allerdings befindet er sich in einem stillgelegten U-Bahn Tunnel, der, wie wir später lernen, direkt neben dem Untergrundlabor des Antagonisten liegt, in dem “Fantasy Science” betrieben wird. Auf einmal wirkt es gar nicht so seltsam, dass ein Spinne, die aus einem normalen Menschen einen Superhelden machen kann, an so einem Ort unterwegs ist und der Biss folgt aus der Entscheidung an diesem Ort zu sprayen. So ist das Ganze deutlich weniger zufällig. Aber jetzt könnte man denken: “Moment es ist doch immer noch Zufall, dass die Spinne ihn überhaupt beißt und überhaupt was soll ‘Fantasy Science’ sein”. Das bringt uns zum nächsten Punkt. 

Das Aussetzen des Unglaubens

Vielleicht ist euch “Suspension of Disbelief” ein Begriff. Falls nicht hier die Kurzfassung: Das Aussetzen des Unglaubens ist eine Theorie die versucht zu erklären, warum man unmögliche Dinge im Kontext eines fiktionalen Werkes, wider besseren Wissens, hinnimmt. Es wird als eine Art Vertrag zwischen Publikum und Künstler gesehen, in dem das Publikum bereitwillig seinen Unglauben, also den Zweifel an der dargestellten Realität, aussetzt und im Gegenzug dafür gut unterhalten wird.
Es gibt einige Kritik an dem Konzept, so wird zum Beispiel folgendes angeführt: Würde der Zuschauer sein Unglauben ablegen, müsste er im Krimi auch dem Opfer zurufen, es solle sich vor dem Täter in acht nehmen. Diese Kritik finde ich allerdings nicht besonders stichhaltig, weil es sehr individuell ist, was ein Zuschauer willentlich ausblendet und was nicht. Bleiben wir bei Spiderman, aber gehen zurück zu der Sam Raimi Trilogie. In dieser spricht Spiderman in Verkleidung mit Mary Jane, der Freundin seines Alter-Egos Peter Parker, diese erkennt ihn allerdings nicht an der Stimme. Das ist zu viel für Einige, die behaupten, das wäre so unrealistisch, dass sie die Filmreihe nicht mehr genießen können. Allerdings haben sie kein Problem damit, dass eine radioaktive Spinne, durch einen Biss, aus einem schmächtigen Studenten einen Supermenschen macht. Diese Individualität wird übrigens ebenfalls als Kritik gesehen, obwohl ich eher finde, dass sie einer der Kernpunkte ist, die unumgänglich sind. Dass Zuschauer sich auf unterschiedliche Dinge fokussieren, haben wir ja schon im Post zu “Chekhov’s Gun” ausführlich besprochen.

Überreaktion

Man kann natürlich auch sagen, man hält diesen Vertrag nicht ein und nimmt alles super ernst und wissenschaftlich, dafür lässt man sich nicht wirklich unterhalten. Das haben sich einige “Kritiker” zum Motto gemacht, um möglichst klickbare Kritiken zu erstellen. Wie im Intro erwähnt, halte ich davon allerdings nicht viel. Meiner eigenen Erfahrung nach sucht man sich dann Probleme wo gar keine sind, da bin ich auch nicht ganz unschuldig.
Als ich “Ghost in the Shell: Stand Alone Complex” geschaut habe, war ich sehr belustigt von den humanoiden Robotern, die Sektion 9 vom PC aus unterstützen. Diese tippen auf Tastaturen, in dem sie ihre Finger in mehrer kleine Finger aufspalten, was übrigens richtig schick aussieht. Mein erster Gedanke war: “Das ist total sinnlos, die könnten sich doch einfach anschließen, um Daten deutlich schneller auszutauschen, dann braucht man nicht so komplizierte mechanische Teile.” Zu diesem Zeitpunkt haben wir auch schon gesehen, dass es möglich ist sich mit Maschinen und Cyborgs per Kabel zu Verbinden. Allerdings war genau da auch mein Denkfehler! In Ghost in the Shell wird mehrfach gezeigt, wie über genau diese Art der Verbindung nicht nur der technische Teil, sondern auch die “seelische Komponente” von verschiedenen Figuren manipuliert werden können. Ist es also “total sinnlos” den Computer und den Operator, in einer Abteilung, die mit kritischen Informationen arbeitet, zu trennen? Nein, ganz im Gegenteil. In dem Fall wollte ich also einen Fehler sehen, wo keiner war und hätte beinahe ein fantastisches World-Building-Detail übersehen.

Ich hoffe, ich konnte euch heute demonstrieren, dass man als Autor zwar versuchen sollte sein Werk im Rahmen der Prämisse realistisch zu halten, aber auch darauf achten sollte nicht gegen verschiedene Konventionen zu verstoßen. Und, dass man als Zuschauer zwar alles auf die Goldwaage legen kann, aber damit nur seine eigene Erfahrung sabotiert, trotzdem kann und sollte man ein gewisses Maß an Unglauben ablegen.

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