Bösewichte als Protagonisten

Beim Spielen von „The Last Of Us“ (2013) mit einem Freund habe ich mir ein paar Gedanken über unmoralische Protagonisten gemacht. Das scheint aktuell richtig im Trend zu liegen neben der Comicbuch-Verfilmung „Joker“, die 2019 ganze 11 Oscarnominierungen erhielt und der allseits beliebten Serie „Breaking Bad“ haben wir in diesen Winkel in den letzten Jahren häufiger gesehen. In Filmen, wie „Gone Girl“ oder „I Care A Lot“, sind unter den Hauptcharakteren nur moralisch verwerfliche Figuren. Der Trend geht sogar so weit, dass die Animationsfilme „Ralph reicht’s!“ und „Megamind“ den klassischen Bösewichten aus Videospielen beziehungsweise Superhelden-Geschichten eine zweite Chance gewähren. Mit Rücksicht auf die Zielgruppe ist die Verwerflichkeit der letzten beiden eher limitiert.

Warum sehen wir in der letzten Dekade so viele „böse“ Charaktere in der Hauptrolle? Das ist ehrlich gesagt gar nicht so unüblich, aber lasst uns von Anfang beginnen.

Protagonisten, Antagonisten und andere wichtige Personen

Protagonisten sind die Hauptfiguren einer Geschichte, in der Regel folgen wir ihnen auf ihrer Reise. Ein Antagonist ist der Gegenspieler zum Protagonist, manchmal sehen wir die Geschichte auch teilweise aus seiner Sicht, aber das ist eher selten. Wichtig ist: Diesen beiden Begriffen werden keine Eigenschaften, wie Gut oder Böse, zugeordnet. Diese Abgrenzung von den Guten zu den Protagonisten und den Bösen zu den Antagonisten, mag sich zwar offensichtlich anhören, aber gerade in dieser Diskussion ist es wichtig die moralische Bewertung von der Rolle in der Geschichte abzugrenzen. So eine Schwarz-Weiß Abgrenzung zwischen Gut und Böse ist sowieso eher typisch für Märchen und Kindergeschichten, aber findet sich auch in modernen Filmen wieder. Die Disney-Marvel-Marke von Superhelden folgen, mit ein paar wenigen Ausnahmen, wie Captain America: Winter Soilder und Civil War, auch einer klaren Gut/Böse Trennung.
Ein weiterer wichtiger Begriff ist der „Tugendbold“ oder englisch „Paragon“. Damit beschreibt man Charaktere, die sich dadurch auszeichnet immer das moralisch Richtige zu tun und auch generell einen besonders hohen Wert auf ein solches Verhalten legen. Also der klassische Saubermann der keine Leichen im Keller hat und das auch von anderen erwartet. Auch hier sind die Marvel-Helden, auch wenn sie sich manchmal anders geben wollen, gute Beispiele.

Langeweile und Trott

Wie ihr euch bestimmt schon denkt, ist es nicht besonders spannend andauernd nur Tugendbolde in den Hauptrollen zu sehen. Das Fehlen von moralischen Graustufen sorgt dafür, dass diese Figuren einseitig und fade wirken, egal wie tiefgründig und ausschweifend sich ihr Hintergrund, die Welt um sie herum und ihre Reise darstellt. Wir können natürlich einfach Antihelden, also Figuren die das Richtige aus den falschen Gründen tun, schreiben, allerdings haben wir auch davon schon viel zu viele. Um bei den Superhelden zu bleiben könnten wir zum Beispiel Deadpool nennen. Antihelden sollte man übrigens nicht mit den zynischen Einzelgänger Helden verwechseln. Batman oder Wolverine fallen eigentlich auch in die Kategorie Tugendbold, selbst wenn sie ab und zu ein Schimpfwort oder einen morbiden Spruch aussprechen, würde ihnen, selbst in den extremsten Umständen, nie der Gedanke in den Sinn kommen, etwas unmoralisches zu tun.

Böse Protagonisten

Kommen wir jetzt endlich zur Hauptattraktion: Bösewichte und Anti-Bösewichte. Bösewichte sind, nach meinem Verständnis, oft nicht unbedingt als Protagonist geeignet, da pure klassische Bösewichte aus unmoralischen Gründen Böses tun, wenn sie überhaupt einen Grund brauchen. Damit kann man sich normalerweise nicht identifizieren und damit ist es auch schwierig dieser Figur als Protagonist zu folgen.
Man kann dieses Problem umschiffen in dem man dem Publikum zeigt, dass die Figur gut angefangen hat, doch entweder Stück für Stück korrumpiert wird oder über eine Grenze gedrängt wird, an der sie einfach nicht mehr so weitermachen kann. Ein gutes Beispiel für Beides ist Walter White aus „Breaking Bad“. Anfangs wird der Chemielehrer, auf dem alle herumtrampeln und von dem alle in gewissem Maße profitieren, durch seine Krebsdiagnose über diese Grenze getrieben. Durch seinen Ausflug in die kriminelle Unterwelt wurde er nur noch weiter korrumpiert, da er sich gezwungen sieht immer drastischere Maßnahmen zu ergreifen, um sich, seinen Partner und sein neues Geschäft zu schützen. Als ihm später offenbart wird, dass er den Krebs besiegt hat, ist es schon zu spät. Er ist vollständig zu einem Bösewicht geworden und wir haben ihn auf diesem Weg begleitet.
Das Überschreiten der Grenze wird in Alan Moores „The Killing Joke“ fantastisch diskutiert. Wir folgen im Laufe der Geschichte dem Joker, der darüber lamentiert, wie in seiner Erinnerung nur ein schlechter Tag gereicht hat, um ihn in einen wahnsinnigen Bösewicht zu transformieren. Er möchte seinem Gegenspieler Batman zeigen, dass es jedem so gehen würde und möchte das anhand von Inspektor Gordon demonstrieren. Am Ende der Geschichte wird seine These zurückgewiesen, da Inspektor Gordon nach einem Tag voller Folter immer noch bei Verstand ist. „The Killing Joke“ ist zwar aktuell nicht das Joker-Medium, worüber jeder spricht, aber gehört meiner Meinung nach zum grundlegenden Lesematerial im Bereich der Comicbücher. Nur lest bitte wirklich die Graphic Novel und schaut nicht den furchtbaren Film, der die Nachricht nicht wirklich rüberbringt.
Eine ebenfalls interessante Methode sind meiner Meinung nach Anti-Bösewichte, die etwas Böses beziehungsweise Unmoralisches tun, allerdings gute beziehungsweise moralische Gründe dafür haben. Schauen wir uns zum Beispiel Joel aus „The Last of Us“(2013) an. Über den Verlauf der Geschichte tut er immer mal wieder ein paar Dinge, die eher in einer moralischen Grauzone liegen, während er am Ende mit seinen letzten Zeilen Dialog sich endgültig als unmoralisch etabliert. Allerdings tut er das für Ellie, das Mädchen, das er von Anfang an beschützt hat, das ihm das Leben gerettet hat und ihn nicht zuletzt an seine verstorbene Tochter erinnert.

Wechselnde Blickwinkel

Wenn wir uns nicht auf den Blickwinkel des Protagonisten begrenzen, sondern auch die Geschichte des Antagonisten erzählen, werden die Bösewichte zwar nicht direkt zu den Protagonisten, aber können unsere Geschichten noch weiter verbessern.
In Michael Mann’s „Heat“(1995) begleiten wir sowohl den Polizisten Vincent Hanna und den Dieb Neil McCauley, den er verfolgt. Dadurch können wir Parallelen zwischen den Beiden erkennen und den tiefen Respekt, den sie füreinander entwickeln, nachvollziehen. Diese Dynamik ist auch der Kern des Films.
Außerdem können wir so in die Gedankenwelt der Bösewichte schauen, wodurch wir nachvollziehen können, wenn sie die Seiten wechseln oder extreme Reaktionen auf gewisse Vorkommnisse zeigen.
In der Animationsserie „Avatar – Der Herr der Elemente“ sehen wir gleich beides. Zuko, der die Protagonisten-Gruppe mal mehr, mal weniger aktiv jagt, wechselt kurz vor Ende der Serie die Seiten, seine machthungrige Schwester Azula, die bis zum Ende alles unter Kontrolle hatte, steht bei ihrem finalen Gefecht komplett neben sich. Wir verstehen diese beiden Entwicklungen, weil die Antagonisten genug Laufzeit ohne die Protagonisten bekommen haben und wir sie als eigenständige Figuren sehen, nicht nur in Relation zu den Protagonisten.

Die griechische Tragödie

Im antiken Griechenland wurden Rituale in Form von Theaterstücken, Tragödien genannt, durchgeführt und ja es geht immer noch um unmoralische Protagonisten. Die Protagonisten in diesen Stücken starten mit einem fatalen charakterlichen Mangel und können damit in der Regel keine Tugendbolde mehr verkörpern. Außerdem weigern sich die Hauptfigur in der Regel diesen Mangel zu verbessern oder überhaupt anzusprechen, also können sie auch im Verlauf der Geschichte nie zu einem lupenreinen Helden werden.
Auch wenn die Tragödienhelden selten wirklich als Bösewicht oder Anti-Bösewicht klassifiziert werden können, ist es dennoch wichtig zu bemerken, dass schon vor über 2000 Jahren Protagonisten mit verschobenem moralischen Kompass keine Seltenheit waren.

Abschließend bleibt zu sagen, dass dieser Trend nichts Neues ist, aber eine durchaus willkommene Abwechslung zu den Helden, die wir sonst oft zu sehen bekommen, darstellt. Jedenfalls genieße ich persönlich Geschichten mit Charakteren, die nicht eindeutig in Gut oder Böse einzuteilen sind und wenn das heißt, dass wir mehr Charaktere bekommen, die auf dem moralischen Spektrum mehr auf der bösen Seite stehen, freut mich auch das. Seht ihr das genauso oder konnte ich euch vielleicht sogar ein paar Vorteile dieser Herangehensweise näherbringen?

Quellen

Dieser Blogpost besteht eher aus meinen eigenen Gedanken, daher habe ich nicht wirklich Quellen, aber hier sind alle Werke die ich hier angesprochen habe in Reihenfolge ihrer Nennung:

Schreibe einen Kommentar