Intention und Tod des Autors

In den letzten paar Wochen habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, ob das was ich gerade in Filme und andere Werke hinein interpretiere, auch wirklich das war “was uns der Autor sagen möchte”. Zu dem was der Autor uns sagen wollte, sagt man in der Literaturwissenschaft intentio auctoris zu Deutsch Absicht des Autors oder auch häufig kurz Autorenintention. Dabei geistern mir immer ein paar Fragen im Kopf herum, wie: “Was muss man denn über einen Autor wissen, um seine Absicht einzuschätzen?”, “Wie kann man sich sicher sein das man die Intention des Autoren erfasst hat?” und die Frage die seit den 70ern viele Gelehrte beschäftigt: “Ist es überhaupt wichtig welche Absicht der Autor hatte?”
Hier sind ein paar Antworten, die ich dafür gefunden habe!

Verschiedene Intentionen

Wie immer sollten wir erstmal schauen über was wir eigentlich reden. Man teilt die Absichten in Leserabsicht, Textabsicht und Autorenabsicht ein. Da wir uns hauptsächlich das Letzte anschauen, gehen wir erstmal auf die anderen Beiden ein. Die Leserabsicht ist relativ schnell erklärt, als das was der Leser von einem Werk erwartet. Zum Beispiel könnte man eine Dokumentation schauen oder ein Sachbuch lesen mit der Absicht etwas zu lernen. Mit der Intention sich unterhalten zu lassen, würde man eher auf eine Komödie oder einen Krimi zurückgreifen. Die Textabsicht ist mehr oder weniger die Aufgabe des Textes, eben das ein Sachbuch lehrreich sein soll und eine Komödie das Publikum tatsächlich zum Lachen bringt. Während es natürlich klar ist, dass der Leser nicht unbedingt dasselbe möchte wie der Autor, ist das bei der Textintention nicht direkt ersichtlich, da sie in der Regel mit der des Autoren übereinstimmt. Ein bekanntes Beispiel für das Gegenteil ist “Sharknado”, ein Film der als spannendes Action Adventure geplant war, ist heute eher für seine unfreiwillig komischen Elemente bekannt.
Die Autorenintention teilen wir nochmal in drei Kategorien auf: informativ, appellativ und expressiv. Informativ bedeutet einfach nur, dass der Autor das Publikum informieren möchte und klassischerweise eine Dokumentation oder Fachliteratur anfertigt. Appellativ ist, dem Namen entsprechend, ein Appell an den Leser, also ein Text der den Nutzer zu etwas bewegen will, im gängigsten Fall Werbung, aber auch Dokumentationen oder Unterhaltungsfilme können durchaus mit appellativer Absicht gedreht werden. Wir besprechen hier hauptsächlich die expressive Autorenintention, da dann doch die meisten Werke die popkulturell, kulturell und künstlerisch relevant sind, auf eine solche zurückgehen. In dieser Kategorie sind Werke mit denen sich ein Autor ausdrücken will und bestimmte Gefühle beim Publikum hervorrufen möchte.
Ihr habt bestimmt schon bemerkt, dass es nicht unbedingt einfach ist herauszufinden “was der Autor uns sagen wollte”. Wenn wir wissen wollen, was uns der Autor mit einem blauen Vorhang sagen möchte, können wir keine endgültige Antwort finden ohne den Autor zu fragen. Da das leider selten möglich ist, versuchen wir in der Regel das im Kontext der Szene oder des Gesamtwerks einzuordnen. Aber auch das reicht oft nicht. Die Epoche in der das Werk erschienen ist, der kulturelle und gesellschaftliche Hintergrund des Autoren, sowie seine Meinungen zu relevanten Themen und die Einordnung in sein Gesamtwerk kann sehr wichtig sein. Dazu muss man sich als Zuschauer schon sehr auskennen.
Aber muss man das alles wissen?

Tod des Autoren

Man könnte auch einfach sagen, dass es uns nicht interessiert, was der Autor vermitteln wollte, sondern nur unsere eigene Deutung des Materials. Was sich nach einer gelegenen Ausrede anhört ist eine Thematik, die die Literaturwissenschaft seit Rolands Barthes‘ Aufsatz “La mort de l’auteur” – Tod des Autors – aus den 70ern beschäftigt. Der makabre Titel stammt von dem metaphorischen Tod des Autors nach Veröffentlichung des Werkes und die daraus resultierende Sinnlosigkeit darüber zu spekulieren, was der Autor meinte, da es keine Antwort auf die Frage mehr geben kann. Diese Verschiebung der Deutungshoheit ist ein sehr interessantes Paradigma, was durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient, aber dazu bräuchte es noch mal einen ganz eigenen Artikel.
Ich werde wohl kaum diese wissenschaftliche Debatte beilegen können, aber hier sind meine Gedanken dazu. Bis vor ein paar Wochen mochte ich den Ansatz wirklich gerne, da er mir die Möglichkeit gibt ohne irgendeinen Hintergrund zu bewerten, was ich vor mir habe. Damit kann man auch getrost ignorieren welche Standpunkte der Autor außerhalb seines Schaffens vertritt. Damit ist dieser Ansatz sehr nützlich für Menschen, die noch nicht so viel Ahnung von den Hintergründen des entsprechenden Autoren haben.
Im Moment bin ich eher gespalten, da die Hintergrundinformationen in einigen Fällen deutlich mehr Einblicke in das Werk und das Leben des Autoren erlauben. Z.B. ist H.P. Lovecraft für zwei Dinge bekannt: Genredefinierende Horrorgeschichten und Rassismus. Das sind allerdings keine vollständig separierbaren Eigenschaften, da Lovecrafts Horror auf der Angst vor dem Unbekannten basiert, was hingegen oft auch als Grundlage für Rassismus dient. Allerdings ist es nicht immer möglich eine den Autor und das Werk in dieser Art zu verbinden. Schaut man sich einen Disney-Animationsfilm der letzten 30 Jahre an, kann man so ziemlich vergessen irgendetwas aus den dutzenden Screenwritern zu lesen, die daran gearbeitet haben, außer dass der Film aal-glatt ist und jeglicher Persönlichkeit beraubt wurde.

Wenn Absichten kollidieren

Kommen wir mal zu der historischen Begebenheit, die mich davon überzeugt hat, das die Intention des Autoren doch wichtig ist. Es geht um den 1931er Krimi Thriller “M – Eine Stadt sucht einen Mörder” von Fritz Lang. Ich möchte nicht zu sehr auf die Story eingehen und direkt zum Ende des Films kommen. Wenn ihr euch für das deutsche Kino vor der Machtergreifung der NSDAP interessiert oder dafür wie ein Stummfilm-Regisseur den Sprung zum Tonfilm, unter ausgezeichneter Nutzung dieses neuen Mediums, schafft, solltet ihr den Film auf jeden Fall schauen, auch wenn die unaufgeregten knapp 2 Stunden Laufzeit auf moderne Zuschauer vielleicht etwas langsam wirken könnten.
Am Ende von “M” wird der gesuchte Serienmörder vor eine Menschengruppe, die von einigen Verbrechern angeführt wird, gezerrt, die mit ihm ein Scheingerichtsverfahren durchführen wollen, um ihn anschließend hinzurichten. Der Film macht dabei ein sehr überzeugendes Argument dafür das Menschen mit psychologischen Zwängen, selbst dem Zwang zum Morden, dafür nicht bestraft werden sollten, sondern Hilfe dafür erhalten müssen. Das ist nicht was NSDAP Propaganda Minister Joseph Goebbels aus dem Film mitnahm. So schrieb er in seinem Tagebuch: “Abends mit Magda Film ‚M‘ von Fritz Lang gesehen. Fabelhaft! Gegen die Humanitätsduselei. Für Todesstrafe! Gut gemacht. Lang wird einmal unser Regisseur. Er ist schöpferisch.” Diese Deutung war natürlich das Gegenteil von dem was Lang ausdrücken wollte. Als Goebbels 1933 versuchte, gemäß seines Tagebucheintrags, Fritz Lang zu seinem Regisseur zu machen, soll Lang ihn um einen Tag Bedenkzeit gebeten haben und noch am selben Tag aus Deutschland geflohen sein.
Also wenn wir die Deutungshoheit vollständig vom Autor entfernen, entsteht ein neues Problem, da jeder mit einer auch noch so dürftigen Grundlage Schlüsse ziehen kann, die dem Autor widerstreben. Wie vorhin angesprochen, kann ich das Problem hier nicht abschließend lösen, dennoch wollte ich meine Gedanken dazu mal festhalten.

Was ist meine Absicht?

Meine Intention als Autor dieses Blogs ist informativ und expressiv, da ich zwar Informationen vermitteln möchte, aber auch meine Gedanken ausdrücken will. Damit kennt ihr meine Absicht, ob ihr die auch aus meinem Text herauslest ist nun euch überlassen.

Abschließend bleibt zu sagen, dass es gar nicht so einfach ist zu bestimmen, was ein Autor uns sagen möchte. Es ist nicht mal gegeben, ob das uns überhaupt interessiert. Letztendlich sollte man aber alle Informationen einbeziehen, die vorhanden sind, um möglichst genau bestimmen zu können, was man vor sich hat. Sonst legt man dem Autor noch Dinge in den Mund, die er gar nicht ausdrücken wollte. Dennoch kann es passieren, dass das Werk etwas ausdrückt was der Autor nicht sagen wollte. In dem Fall sollte man, wenn möglich, sowohl die Deutung, als auch Autorenintention nennen.

Quellen

  • Roland Barthes: Der Tod des Autors – ISBN: 3-15-018058-9
  • Angela Ackerman & Becca Puglisi: The Negative Trait Thesaurus – ISBN: 978-0-9897725-0-1
  • M: Eine Stadt sucht einen Mörder (1931): https://www.imdb.com/title/tt0022100/
  • Joseph Goebbels: Tagebücher, Eintrag vom 21. Mai 1931
  • Artem Demenok: Deutsche Lebensläufe: Fritz Lang. Dokumentation, SWR 2007, 44 min, Grimme-Preis 2007

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