Erzählstrukturen

Eines der wenigen Dinge, die mir aus dem Deutschunterricht der Mittelstufe im Gedächtnis geblieben ist, ist die aristotelische Drei-Akt-Drama-Struktur. Schade, dass dieses Thema nur kurz behandelt wurde und sich nur die Wenigsten daran erinnern können, obwohl das eine der grundlegendsten Beobachtungen in diesem Bereich ist. Darauf baut nicht nur die detailliertere 5-Akt-Struktur, sondern auch die oft zitierte Heldenreise auf. Auch moderne Spannungskurven gehen auf die Drei-Akt-Struktur zurück. An diesen Begriffen kommt man nicht vorbei, wenn man über Geschichten und ihre Bausteine reden möchte, also stelle ich sie euch hier vor.

Am Anfang gab es Drei Akte

Schon vor über 2300 Jahren sprach Aristoteles in der “Poetik” über die Drei-Akt-Struktur. In unserem deutschen Schulsystem wird sie oft als Anfang, Hauptteil und Schluss gelehrt. Das trifft es eigentlich auch ganz gut. Akt 1 wird auch Exposition genannt, hier werden die Charaktere und ihre Lebenswelt vorgestellt. Im zweiten Akt wird ein Konflikt eingeführt, um den sich unsere Charaktere kümmern müssen und an dem sie wachsen können. Der letzte Akt löst dann den Konflikt auf und beendet die Geschichte. Diese Abschnitte werden auch Protasis, Epitasis und Catastrophe genannt. Ich persönlich ziehe zwar normalerweise die Nummerierung vor, da sie allgemein eindeutiger ist, werde ich die Akte aber im folgenden bei diesen Namen nennen, um Verwirrung zu vermeiden.

Ein wichtiges Detail was oft vergessen wird ist, dass die Erzählformen, die wir hier besprechen keine Blaupausen fürs Geschichtenschreiben sind, sondern ein Werkzeug, um Geschichten zu analysieren, da die Meisten automatisch in diese Schemata passen. Wenn ihr aber anfangen wollt eure eigenen Geschichten zu schreiben, ist es keine schlechte Idee euch an ihnen zu orientieren.

Die Pyramide der Fünf Akte

Auf dem Fundament von Aristoteles wurde später die Fünf Akt Pyramide errichtet. Sie beginnt mit dem Prolog, der der Protasis entspricht, und führt dann im zweiten Akt den Konflikt ein. Während bei Aristoteles die ansteigende Spannung und der Höhepunkt noch Teil des zweiten Akts waren, wird der Höhepunkt und die Steigung direkt davor hier in ihren eigenen dritten Akt verlagert. Der ursprüngliche dritte Akt, die Catastrophe, wird auch nochmal in zwei kleinere Teile aufgebrochen. Diese sind die Fallende Aktion, in der die Handlung ausklingt, und die Auflösung, in der nochmal eine Moral oder eine Lehre festgehalten wird.

Die Bezeichnung Pyramide kommt daher, dass die Spannungskurve zu dieser Struktur eine Dreiecksform annimmt und auch oft mit dieser dargestellt wird.

Story-Struktur

Die Heldenreise

Die Heldenreise ist ein eher modernerer Ansatz aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Erstmals wurde das Konzept von Joseph Campbell in “Der Heros in tausend Gestalten” 1949 beschrieben. Ich stelle euch aber den Ansatz von Christopher Vogler aus “Die Odessee des Drehbuchschreibers” von 1998 vor, da dieser in Hollywood aktuell ein hohes Ansehen genießt und häufig als Grundlage verwendet wird. 

Der Mythenforscher Joseph Campbell erstellte ein Muster, um Geschichten zu generalisieren, also gemeinsame Punkte zu finden, die sich alle Geschichten teilen. Er konzentriert er sich auf Mythen, Literatur und, hauptsächlich amerikanische, Filme. Dabei fand er 17 Punkte, die Vogler später übernahm, zusammenfasste und erweiterte. Campbell’s Heldenreise ist auf jeden Fall einen Blick wert, aber hat viele Überschneidungen mit Vogler’s Arbeit, die ich hier näher beleuchte.

Die Odessee des Drehbuchautors ist als Anleitung fürs Geschichtenschreiben gedacht, ihre hohe Relevanz macht sie aber auch zu einem wichtigen Thema, wenn man über Geschichten in modernen Werken reden möchte. Es werden 12 Schritte beschrieben:

  1.  Der Ausgangspunkt: Die gewohnte langweilige Welt des Helden. Bei Fantasy oft das Dorf in dem der Held aufwächst, in einem Film, der in der Moderne spielt, ist es oft einfach der Alltag des Helden.
  2.  Der Ruf des Abenteuers: Der Held wird von einem Boten zum Abenteuer gerufen. Der Bote kann dabei ein tatsächlicher Bote, wie z.B. Gandalf aus der Herr der Ringe, oder etwas Abstraktes sein, wie der Mord an den Eltern des Helden.
  3.  Die Weigerung: Zuerst möchte der Held dem Ruf nicht folgen. Dieser Teil wird gerne gekürzt, ist aber wichtig, um die Motivation des Charakters zu etablieren.
  4.  Der Mentor: Ein Mentor, wie z.B. Obi-Wan Kenobi aus Star Wars, überredet den Helden, doch aufzubrechen. Es muss sich nicht unbedingt um einen Menschen handeln. Campbell beschreibt diesen Schritt als “Übernatürliche Hilfe”, aber es kann sich um alles von magischen Gegenständen bis zu bloßen Ereignissen, die den Held dazu überreden aufzubrechen, handeln.
  5.  Die erste Schwelle: An diesem Punkt gibt es kein Zurück mehr in die gewohnte Welt. Der Aufbruch aus dem Heimatdorf, der Ausbruch aus dem Alltag oder das Zerwürfnis mit bisherigen Freunden.
  6.  Verbündete und Feinde: An dieser Station muss sich der Held bewähren und trifft dabei auf Freunde und Widersacher, die ihn auf seinem Weg begleiten. Wie bei allem Anderen muss es sich nicht, um Menschen handeln. Ein Verbündeter kann auch jemand sein, dessen Ziele nur zeitweise mit denen des Helden übereinstimmen. Der Widersacher ist hier in der Regel nicht direkt der Hauptantagonist.
  7.  Tiefste Höhle: Hier ist der Gefährlichste Punkt. Der Protagonist trifft auf den Antagonisten. Die Höhle ist in der Regel “Feindgebiet” das Lager des Antagonisten, der Stadtteil unter der Kontrolle einer rivalisierenden Gang oder kurz vor einer Naturkatastrophe.
  8.  Entscheidende Prüfung: Die Konfrontation zwischen Protagonisten und Antagonisten. Dieser Punkt erklärt sich wohl selbst, hierbei handelt es sich um den Höhepunkt.
  9.  Das Elixir: Dieser Punkt hört sich sehr abstrakt an, aber es geht im Prinzip nur darum, dass der Held durch seine Reise etwas gewonnen hat, ob es sich dabei um ein McGuffin, ein Goldschatz, Wissen oder einfach nur die Freunde, die er auf dem Weg gemacht hat, handelt, ist vollkommen egal.
  10.  Der Rückweg: Auf dem Weg zurück in sein altes Leben kommt es laut Vogler zu einer “Auferstehung aus der Todesnähe”. Auch das ist eher Metaphorisch zu sehen, der Protagonist hat hier die Chance zu zeigen, was er gelernt hat, beziehungsweise, dass er an der Herausforderung gewachsen ist.
  11.  Der Feind ist besiegt: Der Held hat gewonnen und das Elixir errungen, dabei ist er an der Herausforderung gewachsen und zu einer reiferen Persönlichkeit geworden.
  12.  Das Ende der Reise: Der Held kehrt zurück und er wird mit Anerkennung belohnt.

All diese Stationen sind sehr metaphorisch zu verstehen. Man kann die meisten Geschichten, mit etwas Fantasie, in diese Punkte aufteilen, probiert es doch selbst mal aus. Ein einfaches und oft beschriebenes Beispiel dafür ist übrigens Star Wars.

Übersetzung der Erzählformen

Jetzt haben wir ja drei Erzählformen kennen gelernt. Die ersten beiden sind miteinander kompatibel und haben ein direktes Pendant in der jeweils anderen Form. Auch die “Odyssee des Drehbuchschreibers” beschreibt eine Übersetzung in die Drei-Akt-Struktur. Die ersten fünf Punkte werden der Protasis zugeordnet, die nächsten vier der Epitasis und die letzten drei der Catastrophe.

Eine Übersicht der Zusammenhänge könnte also so aussehen:

Allerdings finde ich, dass “Die erste Schwelle” mehr auf der Kante zwischen Protasis und Epitasis beziehungsweise zwischen Prolog und Konflikt stehen sollte.

Auflösung

Ich hoffe, ich konnte euch die Grundlagen von Erzählstrukturen näher bringen, sodass ihr demnächst mitsprechen könnt, wenn jemand so etwas sagt wie: “Der zweite Akt hat sich etwas gezogen, aber dafür war der Höhepunkt umso besser.”. Vielleicht ist das aber auch überhaupt nichts Neues für euch.

Quelle

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