Analysis Paralysis

Wie letztes mal schon angesprochen, sprechen wir heute über Analyse Paralyse. Für mich ist das ein sehr spannendes Thema, weil es in der modernen Medienlandschaft nicht nur immer öfter auftritt, sondern uns auch so schnell nicht verlassen wird. Aber sprechen wir erstmal darüber was das Problem überhaupt ist, bevor ich euch meine Lösung vorstelle.

Die Qual der Wahl

Analyse Paralyse oder “Decision Paralysis” oder “Paralyse durch Analyse”… – irgendwie passend, dass dieses Phänomen so viele Namen hat – beschreiben wir in Deutsch schon seit Ewigkeiten als “Die Qual der Wahl”. 

Im Prinzip tritt es auf, wenn man viele Wahlmöglichkeiten hat, die sich gegenseitig ausschließen. Da man versucht die beste Option zu wählen, fängt man an über die Vor- und Nachteile der Lösungen nachzudenken, sprich sie zu analysieren. Im Normalfall kommt man damit zu einer Entscheidung, allerdings kann es passieren, dass man nicht zu einem Ergebnis kommt und die Entscheidung “zerdenkt” oder metaphorisch paralysiert ist. Damit hätten wir schon mal geklärt, wann dieses Phänomen auftritt und wo der Name herkommt.

Im klassischen Sinne spricht man im Kontext von Software Entwicklung, Sport und (Brett-)Spielen über Analyse Paralyse. Wir schauen uns insbesondere den Spiel-Kontext an, aber auch eine Situation, die wahrscheinlich jeder kennt.

2 Arten des Denkens

Bevor wir ins Detail gehen, stelle ich euch noch kurz eine interessante Beobachtung vor, die Psychologen über das Denken gemacht haben. Im Prinzip lässt sich das menschliche denken in zwei verschiedenen Betriebsmodi ausführen: Das schnelle und das langsame Denken.1 Die schnelle Variante ist unterbewusst und eher emotional. Es ist hauptsächlich für kleine Alltagsentscheidungen zuständig, die so oft auftreten, dass man sie gar nicht bewusst entscheiden könnte, da man sonst nichts Anderes mehr tun würde. Also merkt man gar nicht erst, dass man diese Entscheidungen trifft. Entsprechend tritt Analyse Paralyse hier überhaupt nicht auf, da Vor- und Nachteile verschiedener Entscheidungen überhaupt nicht abgewogen werden.

Langsames Denken ist methodisch, berechnend und bewusst, aber auch anstrengend, was bedeutet, dass man eigentlich nicht für eine längere Zeit in diesem Modus arbeiten möchte. Wenn ihr über etwas nachdenkt und versucht eine bewusste Entscheidung zu treffen, dann könnt ihr euch sicher sein, dass es sich um langsames Denken handelt, selbst wenn ihr schnell eine Entscheidung trefft. Entsprechend ist alles über was wir hier reden langsames Denken.

“Jetzt mach endlich deinen Zug”

Die Situation ist euch bestimmt bekannt ihr spielt ein Brettspiel und eine Person am Tisch nimmt sich mehrere Minuten Zeit, um einen Zug zu machen. Das kann ein Fall von Analyse Paralyse sein. Das ist auch kein Wunder, selbst in einfachen Spiele wie 4 Gewinnt, in dem man maximal zwischen 7 unterschiedlichen Optionen pro Runde auswählen kann, gibt es extrem viele Faktoren. Angenommen wir sind mitten in einer Runde, von den 42 Feldern sind schon 20 belegt. Da man alle Spielsteine im Bezug zu allen anderen Spielsteinen sehen muss, ist es schon eine Herausforderung, die aktuelle Spielsituation zu verstehen ohne eine Sieg-Möglichkeit für sich selbst oder seinen Gegner zu übersehen. Schauen wir uns so etwas wie Schach an, in dem schon nach 2 Zügen über 70.000 mögliche Stellungen entstehen können², ist es wohl nicht schwer zu sehen, dass Spiele auch eine extrem große Menge an Daten produzieren, die es zu analysieren gilt. Aus diesem Grund untersuchen auch Datenwissenschaftler und KI-Forscher sehr gerne Spiele, um ihre Theorien zu beweisen oder um ihre Fähigkeiten zu erweitern.

Aber dieses Wissen ändert nichts daran, dass wir gerade schon auf dem Klo waren und uns ein neues Getränk geholt haben, unser Gegenspieler aber immernoch keinen Zug gemacht hat. Also was tun wir gegen die Analyse Paralyse? Viele Experten in rundenbasierten Spielen empfehlen natürlich Üben. Das hilft auch tatsächlich viel, wenn man verschiedene Optionen gar nicht erst betrachtet, weil man direkt sieht, dass sie nicht gut sind. Außerdem kann man mit entsprechender Erfahrung Spielsituationen deutlich schneller beurteilen. Diese Lösung ist unpassend, wenn man ein Spiel gerade zum ersten Mal spielt. Der nächste Tipp den man oft hört ist, plane deinen Zug während der Gegner noch dran ist. Das reduziert auch die Zeit, die man braucht, hilft aber nicht wirklich mit der mentalen Sackgasse, der Analyse Paralyse. Meine absolute Empfehlung ist, sucht nicht nach der optimalen Lösung, sondern nach einer die “gut genug” ist. Wichtig ist dabei das “gut genug” nicht gleichbedeutend mit der erstbesten Lösung ist.

Die Kunst von gut genug

In den wenigsten Situationen benötigt man die optimale Lösung, die wenigsten von uns treffen Entscheidungen, bei denen viel Geld oder ganze Existenzen auf dem Spiel stehen. Erst recht nicht, wenn wir einen Spieleabend mit Freunden veranstalten. Außerdem ist gut genug oft nicht weit von der optimalen Lösung entfernt, wenn es nicht sogar gleich die optimale Lösung ist.

Aber was definiere ich als gut genug. Versucht euch an folgenden Prozess zu halten. Zuerst müsst ihr die aktuelle Situation verstehen. Schaut euch ein paar mögliche Züge an und merkt euch die, die euch einen signifikanten Vorteil bringen. Entscheidet euch für den gemerkten Zug, der den größten Vorteil bringt. Das wars schon. Der Tipp ist im Prinzip einfach nicht alles zu analysieren, sondern nur einen Teil der möglichen Lösungen und Situationen. Das wird nicht immer einfach sein, aber das nächste mal, wenn jemand zu euch sagt: “Äh, du bist dran, das weißt du, oder!?”, fällt euch das vielleicht wieder ein.

Auswahl Paralyse

Eine weitere moderne Variante der Analyse Paralyse ist das “On-Demand-Problem”. Hierzu habe ich leider nicht wirklich Literatur gefunden, aber ich glaube, das hat jeder schon mal erlebt. Man möchte einen Film schauen und öffnet das Streaming-Portal seiner Wahl. Jetzt wird man nicht nur von einem Film begrüßt, sondern von Tausenden, die alle zu einem gewissen Maß, um eure Aufmerksamkeit kämpfen. Welcher ist jetzt der Beste?

Das hört sich nach unserem Ursprungsproblem an. Interessanterweise ist das ein sehr modernes Problem, das im linearen Fernsehen nicht auftritt. Auch beim DVD-Verleiher liegt die Lösung auf der Hand. Man fragt einfach die Person hinter der Theke, was sie empfiehlt. Man könnte auch argumentieren, dass das heute noch möglich ist, indem man einfach Empfehlungen aus einer Internetsuche mit einbezieht. Allerdings bietet das Internet so viele Informationen, dass es das Analyseproblem eher noch verschlimmert.

Wie lösen wir dieses Problem? Wenn wir wüssten, wie gut oder schlecht ein Film ist, müssten wir das Problem nicht analysieren und hätten keine Analyse Paralyse. Das heißt die “gut genug” Lösung ist hier auch nicht angebracht.

Wenn man nicht alleine schaut, kann man folgende Lösung ausprobieren. Eine Person trifft eine Auswahl von fünf bis zehn Filmen, 10 aus 1000 zu wählen ist deutlich einfacher als 1 aus 1000 zu wählen. Die andere Person muss dann nur noch einen aus fünf bis zehn Filmen wählen. Hier entstehen auch ein paar Probleme, wenn Max³, Erika Filme aufzwingen möchte oder Erika sich, trotz kleinerer Auswahl nicht entscheiden kann, aber es sollte im Normalfall die Auswahl deutlich erleichtern.

Wenn man alleine ist, kann man den Ansatz simulieren, in dem man die Vorauswahl trifft und dann einen Zufallsgenerator entscheiden lässt.

Quellen

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