Genre Bias

Vor kurzem habe ich zum zweiten Mal Hollow Knight durchgespielt, eines meine absoluten Lieblingsspiele, obwohl ich es bei seiner Erstveröffentlichung als ‘nicht für mich’ abgestempelt habe. Wie kam es dazu? Naja ganz einfach – Mir wurde das Spiel als “Souls-like” vorgestellt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Hollow Knight die Kernelemente dieses Genres beinhaltet. Aber genau wegen dieser Einordnung, habe ich mich damals dagegen entschieden.

Vielleicht kennt ihr die Situation ja auch von Filmabenden, wenn jemand darauf besteht: “Kriegsfilme sind einfach nichts für mich.” oder “Mit Horror kann ich nichts anfangen”. 

Das hat mich dazu gebracht mir ein paar Gedanken zu genre-basierten Vorurteilen zu machen. Treten diese Genre-Biases auch an anderen Stellen auf? Wenn ja, ist das schlimm und können wir etwas dagegen tun?

Das Genre

Um über Bias, zu deutsch Vorurteile, gegenüber einem Genre reden zu können sollten wir uns erstmal darüber klar werden, was ein Genre ist. Jetzt wird es also kurz sehr trocken, allerdings müssen wir da durch. Das Wort kommt aus dem Französischen und bedeutet ursprünglich Gattung. Im Allgemeinen bezeichnet dieser Begriff eine Kategorie unter der man kreative oder journalistische Werke mit Ähnlichkeiten in bestimmten Bereichen zusammenfassen kann. 

Wenn wir von Genre reden, reden wir also von einer bestimmten Klasse von Werken, die alle bestimmte Eigenschaften erfüllen.

Zum Beispiel sind die Filme “Halloween” und “Freitag, der Dreizehnte” in dem Genre Horror einzuordnen, da sie beide versuchen beim Zuschauer ein Gefühl von Angst zu erzeugen.

Hier tritt auch schon ein interessanter Diskussionspunkt auf. Vielleicht hast du gerade schon gedacht: “Moment! ‘Freitag, der Dreizehnte’ und ‘Halloween’ sind doch Slasher-Filme, oder?”. Wie eng man ein Genre einfassen möchte, ist etwas umstritten. Man kann sich relativ breit aufstellen und nur ein paar wenige Genres nutzen, um alle Filme einzuordnen. Dabei schränkt man aber oft wenig ein, selbst wenn man einem Film mehrere dieser großen Genres zuordnet. “E.T.” und “Alien” sind beides Sci-Fi Dramen, allerdings wird man sehr schockiert sein, wenn man eine Vorstellung von “Alien” besucht und einen Film wie “E.T.” erwartet. Zugegebenermaßen wird Alien in der Regel zusätzlich noch mit dem Horror Genre klassifiziert.

Wählt man hingegen sehr spezifische Genres, oft auch als Sub-Genres bezeichnet, kann man oft nicht mehr die Werke vergleichen, die man eigentlich vergleichen möchte. Außerdem sind diese schwer zu definieren, da man sich oft nicht auf die Ähnlichkeiten einigen kann, die tatsächlich vorhanden sein müssen.

Schauen wir uns zum Beispiel das “Superhelden”-Genre an. Naiv würde man sagen, ein Werk in diesem Genre sollte sich um Menschen mit Superkräften drehen. Allein das würde schon “Batman” und “Iron Man” ausschließen, die definitiv in diesem Genre sein sollten. Weitet man den Begriff anhand dieser Kenntnis aus könnte man sagen: “Werke mit heroischen Menschen, die mit fantastischen Fähigkeiten oder Werkzeugen die Welt retten, sind im Superhelden-Genre”. Allerdings wären dann die Filme der “James Bond”-Reihe auch Superheldenfilme, obwohl sie klassischerweise nicht als solche gelten. Ihr seht allein dieses Genre zu definieren, sprengt den Rahmen dieses Posts.

Also helfen uns Genres Werke zu klassifizieren und ähnliche Werke zu finden. Dabei ist es aber sehr wichtige, wie eng wir die Grenzen eines Genres setzen und, dass wir wissen, welche Bestandteile zu einer bestimmten Einordnung geführt haben.

Sind Genres also “biased by design”?

Biases oder auf deutsch Vorurteile sind Einschätzungen auf der Basis von einer kleinen Teilmenge von Eigenschaften. Nach dem kognitiven Ansatz aus der Psychologie sind Vorurteile evolutionär entstanden, um schnelle Entscheidungen treffen zu können. Das kann natürlich in der modernen, komplexen Welt durchaus zu ein paar Problemen führen, selbst wenn wir Stereotypen gegen Menschen ausklammern.

Mit Genres versuchen wir auch eine Entscheidung zu treffen ohne viel Zeit zu investieren. Das passiert aber über eine Klassifizierung. Wir weisen Werken Genres anhand ihrer Eigenschaften zu, damit man im Voraus beurteilen kann, ob das etwas für uns ist oder um sie mit Ähnlichen vergleichen zu können. 

Das Genre beschreibt also Eigenschaften und ein Bias trifft ein Urteil über Eigenschaften.

Also ist Genre Bias das unterbewusste Zuweisen einer Eigenschaft, anhand des Genres, die nicht zwingend aus dem Genre hervorgehen. Bei einem Romance-Film eine Liebesbeziehung zu erwarten, wäre also kein Bias, aber bei einem Sci-Fi Film zu erwarten, dass Aliens auftreten, wäre ein Bias.

Genre Bias bei den Oscars

Bevor wir gleich einordnen, ob Genre Bias gut oder schlecht ist und wie wir ihn vermeiden, schauen wir uns mal die Oscars an, da der Begriff oft nur in dem Kontext der Academy Awards diskutiert wird.

Es ist außerdem sinnvoll eine Institution zu betrachten, die sich seit fast 100 Jahren professionell mit Filmen beschäftigt. Sollte ein Vorurteil gegen oder für gewisse Filme existieren, wird er wahrscheinlich hier sichtbar sein. Die Unterhaltungsnachrichtenseite Collider hat sich im Dezember 2011 die Zahlen dazu angesehen und dabei folgende Daten im Bezug auf die Verteilung des Best Picture Awardes zwischen 1928 und 2010 erhoben. Die Genres basieren dabei auf den IMDB Genres.

Diese Zahlen legen einen Genre Bias der Academy nahe, beweisen diesen natürlich aber noch nicht. Das möchte ich an dieser Stelle auch nicht machen, allerdings möchte ich zwei Zweifel, die bei mir aufgekommen sind, aus dem Weg räumen.

Ist das aktuell immer noch so? Schauen wir uns dazu die Nominierten aus dem Jahr 2020 mit ihren IMDB Genres an. Das sind “Ford v. Ferrari”, “The Irishman”, “Jojo Rabbit”, “Joker”, “Little Women”, “Marriage Story”, “1917”, “Once Upon a Time… in Hollywood” und “Parasite”:

Natürlich gibt es hier Abweichungen, weil wir uns nur eine Momentaufnahme ansehen, aber dieselben Tendenzen sind vorhanden. Man sollte aber noch erwähnen, dass mit “Shape of Water”, ein Sci-Fi Film, vor kurzem gewonnen hat und dieses Genre auch in den letzten 10 Jahren öfter unter den Nominierten war. Vielleicht liegt es allerdings auch daran das der Bias gegen dieses Genre sich verändert.

Außerdem habe ich mich gefragt, ob das damit zusammenhängt wie viele Filme in einem bestimmten Genre veröffentlicht werden. IMDB führt 539 Filme im Genre biography und 1836 Filme im Genre action. Allerdings wurden bis 2010 doppelt so viele Biographien wie Action-Filme nominiert. Also liegt es auch nicht daran.

Vielleicht sind Drama-Filme auch einfach generell besser. Allerdings ist das nicht nur subjektiv, sondern auch schwer stichhaltig zu beweisen.
Gehen wir also mal davon aus, es gibt einen Genre Bias bei den Oscars, dann könnte er ungefähr wie folgt aussehen: 

“Ein Drama-Film ist künstlerisch und eine Auszeichnung wert.”, “Ein Action-Film ist nur ‘Dumb-Fun’ und damit nicht artistisch relevant.” oder  “Biographien wichtiger Persönlichkeiten zu premieren ist ein Akt des Respekts gegenüber der Person.”

Das Urteil

Ist ein Genre Bias also gut oder schlecht? Das ist schwierig. Bei klar definierten Genren kann man auf einem persönlichen Level gut entscheiden, ob ein gegebenes Werk einem gefällt. 

Sollten Genres nicht klar definiert sein kann es passieren, dass ihr etwas verpasst, dass euch tatsächlich gefallen hätte. Für mich war das, wie im Intro erwähnt, bei Hollow Knight der Fall. Dieses Spiel wurde oft als “Souls-Like” bezeichnet. Es handelt sich dabei um ein relativ neues Genre im Videospiel-Bereich, das Spielen verliehen wird, die “wie Dark Souls” sind. Allerdings hat Dark Soul selbst so viele Elemente, dass überhaupt nicht klar wird, welche ein “Souls-Like” ausmachen. Ich persönlich mochte Dark Souls nicht, wegen der behäbigen und langgezogenen Kämpfe, selbst gegen kleinere Gegner, und wegen der sehr kryptischen Geschichte. Da Hollow Knight in dieses Genre eingeordnet wurde, habe ich es ignoriert. Erst mit dem Switch Release, bei dem es als Indie-Darling Metroidvania angepriesen wurde, erweckte es mein Interesse und gehört nun zu meinen Lieblingsspielen.

Sollte eine Gruppe von Menschen, im schlimmsten Fall in wichtigen Positionen, wie zum Beispiel die Academy, einen ähnlichen Bias teilen, beeinflusst, das welche Werke produziert werden. Ist die Gruppe nicht so mächtig, wie zum Beispiel ein Freundeskreis oder ein Buchklub, kann der Bias auf ander Mitglieder übertragen werden. In manchen Fällen werden dann Werke kategorisch ausgeschlossen, obwohl vielleicht das Ein oder Andere doch interessant gewesen wäre.

Was kann man besser machen?

Hoffentlich konnte ich vermitteln, dass es zwar wichtig ist anhand von Genres und Sub-Genres ähnliche Werke zu gruppieren, aber auch das ein bestimmtes Genre bestimmte Vorurteile nicht rechtfertigt.
Aber was kann man tun, um seinen Bias zu überwinden? Es gilt, wie bei den meisten Vorurteilen, wenn man versucht zu verstehen, was man eigentlich vor sich hat, hilft das schon viel. Also wenn du zum Beispiel bei Kriegsfilmen immer annimmst, dass Gewalt glorifiziert wird, versuche ein paar zu schauen und dich davon zu überzeugen, dass diese Aussage zu allgemein ist. Dabei muss man aber bei der Auswahl aufpassen, wenn man versucht seinen Bias zu bestätigen, wird man das oft schaffen, aber dann besteht diese Übung nur daraus sich mit Dingen zu beschäftigen, die man nicht mag.

Quellen

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