Choice Blindness

Okay, um ehrlich zu sein wollte ich eigentlich über Analysis Paralysis sprechen, was ich unter seinem alternativen Namen Choice Paralysis im Kopf hatte. Als ich angefangen habe dafür zu recherchieren, ist mir aber nur Choice Blindness eingefallen. Natürlich habe ich gemerkt, dass es sich dabei nicht um das Thema handelt, was ich mir eigentlich anschauen wollte, meine Aufmerksamkeit hatte es allerdings schon. Deswegen hier mein Verständnis von Choice Blindness und wie man es in Medien einsetzen könnte.
Über Analysis Paralysis rede ich dann nächstes Mal.

Was ist Choice Blindness oder Wahlblindheit?

Stell dir vor, jemand stellt dich vor die Wahl zwischen zwei Hüten. Einer ist ganz klar besser als der Andere, also entscheidest du dich für diesen. Die Person gibt dir einen der beiden Hüte und lässt dich dabei in dem Glauben, dir den gegeben zu haben, den du gewählt hast. In Wirklichkeit gab sie dir allerdings den Anderen. Jetzt wirst du gefragt, warum du diesen Hut gewählt hast. Du denkst jetzt bestimmt, du würdest so etwas sagen wie: “Ich habe den Anderen gewählt. Gib’ mir meinen Hut!”

Hier kommt die Wahlblindheit ins Spiel. Dieses Phänomen sagt nämlich aus, dass dir der Unterschied wahrscheinlich nicht nur nicht auffällt, sondern dass du in diesem Fall sogar für die Wahlmöglichkeit argumentierst, die du nicht gewählt hast.

Ich weiß das ist schwer zu glauben. Der Forscher Petter Johansson, der mit seinem Team diesen Effekt erstmalig beschrieben hat, spricht in einem TED Talk über seine Experimente. Wenn mein Wort euch nicht reicht, kann ich euch den Vortrag nur sehr empfehlen. Ihr findet einen Link dazu in den Quellen.

Mir ist die Ironie, wie ich auf dieses Thema gestoßen bin übrigens nicht entgangen. Vielen Dank übrigens an alle die denken ich hätte mir das ausgedacht, ich wünschte ich wäre so clever.

Wie wirkt sich das auf unsere Medien aus?

Folgendes ist jetzt reine Spekulation, da ich weder ein Medienforscher bin, noch Befragungen oder Experimente durchgeführt habe.

Gehen wir mal von einer normalen Person aus, die sich nicht intensiv mit Filmen beschäftigen. Sie hört im Radio eine sehr positive Review zu einem bestimmten Film, hat den Namen aber nur so halb verstanden. Die Person entscheidet sich den Film zu schauen und sucht nach dem halb verstandenen Titel auf einem Streaming-Service und findet einen, der ähnlich heißt. Es ist nicht der gleiche, wie in der Review, hat aber jetzt schon mal positives Framing durch die Radio Kritik, zu Framing mach ich später vielleicht noch einen Blogpost. Zusätzlich kommt noch der Choice-Blindness-Effekt ins Spiel, sodass der Zuschauer jetzt seine Wahl verteidigen möchte. Jetzt ist er wahrscheinlich bereit ein oder sogar zwei Augen zuzudrücken.

Das hört sich weit hergeholt an, aber viele Bootleg Filme nutzen ähnliche Namen, die den Zuschauer in genau so eine Situation bringen. Mit Bootleg Filmen werden oft billige Filme beschrieben, die sich an große Marken anhängen und mit willkürlichen Änderungen am Skript und unterirdischer Produktionsqualität Urheberrechtsklagen ausweichen. Ob sie dabei auf Wahlblindheit abzielen oder einfach auf Verwechslungen hoffen, um das Marketing großer Namen mitzunehmen, ist eigentlich relativ egal. Der Effekt sollte in dieser Situation trotzdem auftreten.

Netflix versucht übrigens scheinbar genau solche Verwechslungen vermeiden zu wollen. Auch wenn ich keine Quellen dazu gefunden habe, ist das Verhalten der Netflix-Suchmaschine sehr interessant. Für einen Filmabend wollten wir den Schifffahrts-Epos “Master and Commander” schauen. Nach dem tippen der Buchstaben ‘m’, ‘a’ und ‘s’ hat sich folgendes Bild geboten. In der ersten Reihe (die ersten 6 Ergebnisse) waren, neben “Master and Commander”, “Die Maske” und “Master of None”, 3 Ableger der Kinderserie “Mascha und der Bär”. Die 12 restlichen Ergebnisse, enthielten 9 Kinderserien von denen nur 2 eher schlecht platziert die Zeichenkette “mas” enthielten. Ich habe dieses Ergebnis auch noch mal mit einem anderen Netflix Account überprüft, von dem aus noch nie eine Kinderserie abgespielt wurde. Das Ergebnis war dasselbe.

Denselben Effekt kann man beobachten, wenn man einen Film sucht, den Netflix nicht hat. Man bekommt hauptsächlich Vorschläge, die dem Film von Tonalität, Genre oder Besetzung ähnlich sind und keine die, wie in den meisten Suchmaschinen, relativ nah am Suchbegriff sind.

Ich bin mir daher sicher, dass die Netflix-Suche nicht die besten Matches anzeigt, sondern Dinge die ähnlich zum besten Match sind. Das ist wohl auch der Grund warum viele die Netflix-Suche für schlecht halten, aber das ist ein anderes Thema.

Wie kann man sich dieses Phänomen zunutze machen?

Um diesen Effekt wirklich zu nutzen, muss das Publikum Entscheidungen treffen, die ein Einfluss auf das Medium haben. Das heißt aber leider das nicht-interaktive Medien wie Bücher und Filme, aber auch Musik und die meisten Theaterstücke in ihrer klassischen Form diesen Effekt überhaupt nicht nutzen können.

Bei interaktiven Medien haben wir aber auch ein großes Problem. Wir nehmen den Spielern ihre Interaktivität weg, wenn wir ihre Entscheidungen invertieren. Außerdem hat Petter Johansson in seinen Experimenten festgestellt, dass 10 bis 30 Prozent der Testkandidaten auffällt, dass ihre Wahl vertauscht wurde. Stellt euch vor ihr kommt bei dem Hutproblem aus dem ersten Teil dieses Beitrags an. Ihr macht euch fünf Minuten Gedanken über den besten Hut, nur damit er dann vertauscht wird und ihr die andere Option verteidigen müsst. Das ist das was Wahlblindheit macht, aber wenn ihr in einem starren Konstrukt dazu gezwungen werdet die falsche Wahl zu verteidigen, habt ihr in der Regel nicht wirklich Lust darauf weiter zu machen.

Das heißt nicht, dass das nicht machbar ist. In subversiven Metaspielen, wie The Stanley Parabel oder Superliminal, kann ich mir das nicht nur gut vorstellen, sondern dort würde es sich sogar nahtlos einfügen.

Wahlblind

Dafür, dass ich statt meiner ursprünglichen Wahl, über dieses Thema gestolpert bin, hat es ein paar sehr interessante Aspekte. Leider ist es nicht so nützlich wie ich beim ersten Kontakt gedacht habe, es ist aber im Medienbereich auch nicht so schädlich, wie es potentiell sein könnte.

Ich werde auf jeden Fall in nächster Zeit mehr darauf achten, dass, wenn ich eine Wahl treffe, ich auch das bekomme was ich gewählt habe. Vielleicht geht es euch ja ähnlich.

Quellen

Schreibe einen Kommentar